•30. Mai 2011 •
Wie schon berichtet, besuche ich derzeit ein Seminar, das unter dem Titel „Digitale Spielkultur“ läuft und letzte Wochen haben wir ein Thema behandelt, was mich bis heute stark beschäftigt.
Was sind die Rollen von Frauen und Männern in Videospielen? Und was wird mit ihnen bezweckt?
Seien wir ehrlich: Heldinnen und toughe Mädchen sind in der Videospielewelt nicht sehr weit verbreitet. Es gibt sie hier und da und manchmal denkt man sich sogar: Hey, die ist cool. Die kann mal richtig austeilen! Aber an wen richten sich diese Art von weiblichen Charakteren und gibt es auch noch andere Typen?
Als erstes muss man sich anschauen, wen in erster Linie Videospiele ansprechen und welche Zielgruppe anvisiert wird. In erster Linie sind das Jungs und Männer. Seien wir mal ehrlich: es stimmt, dass Jungs und Männer mehr Videospiele spielen als Mädchen und Frauen. Somit bringt die männliche Zielgruppe weitaus mehr Geld ein. Und was fällt einem Jungen umso schwerer? Richtig, sich in ein Mädchen hineinzuversetzen und sie auch noch zu verstehen. (Was so nebenbei einer der Hauptfragen des Leben ist: Warum verstehen sich Männer und Frauen nicht? Aber das gehört hier nicht hin.) Deswegen sind weibliche Avatare extrem selten. Kein Junge will ein ängstliches, schüchternes und auf Pink stehendes Mädchen spielen. Er braucht Knarren, Rüstungen und einen gewissen Grad an Gewalt, dann passt alles. Warum brauchen Jungs so etwas? Rein wissenschaftlich gesehen, kann es daran liegen, dass das Fehlen von Macht, Kontrolle und Herrschaft im realen Alltag dazu führen kann, dass man sich in virtuellen Welten flüchtet, um dort alles auszuleben.
Macht, Kontrolle und Herrschaft: in Videospielen ist man allmächtig. Und für einen männlichen Spieler fühlt es sich natürlich richtig an, wenn sein Avatar auch männlich ist. Wie gesagt: Frauen sind da das große Mysterium.
Somit kann man aus wirtschaftlichen Gründen sagen: Spiele mit weiblichen Hauptcharakteren bringen einfach nicht so viel Geld ein, wie Spiele mit männlichen Hauptfiguren.
Jetzt werden manche „HALT!“ rufen, denn es gibt eine Videospielikone, die alles so eben genannte, widerspricht: Lara Croft aus den Tomb Raider Spielen.

Wir kennen sie alle. Haben sie auch mal irgendwo gesehen und wissen sofort, was gemeint ist, wenn wir den Namen „Lara Croft“ hören: sexy, abenteuerlustig, tough und furchtlos. Aber was ist jetzt das an ihr, was uns alle fasziniert und welche Zielgruppe hat sie?
Die Faszination Lara Croft begann mit dem ersten Tag von Tomb Raider. Sie war neu, frisch und sprang aus der Masse von männlichen Videospielhelden schlichtweg hervor. In ihrer Anfangszeit, aber auch bis heute, ist ihr Körper stark überzeichnet: große Brüste, schmale Taille und extrem lange Beine.
Schließt mal kurz eure Augen und stellt euch kurz ein Durchschnittsmädel vor, vielleicht das Mädchen von nebenan. Und? Wen seht ihr? Richtig, nicht Lara Croft. In vielerlei Hinsicht wird Lara als jemand mit männlichen Eigenschaften im Frauenkörper bezeichnet. Sie für viele Frauen einschüchternd und verunsichernd. Männer hingegen fahren total auf ihre toughe und unkomplizierte Art und Weise ab. Somit kann man schnell und einfach erkennen, welche Zielgruppe die Tomb Raider Spiele haben: Männer. Es gibt was zum Anschauen. Und seid ehrlich Männer: ihr seht es doch gerne, wenn Frauen mit Knarren rumlaufen und auch mal derbst austeilen, nicht?
Lara ist aber nicht die Einzige Figur in der Videospielwelt, die stark auf eine männliche Zielgruppe anvisiert ist: Bayonetta, Ruby Melone, Violette Summers usw.

Solche Hauptcharaktere zeichnen sich meistens dadurch aus, dass sie nur wenig Charaktertiefe haben und schlicht gestrikt sind. Denkt mal darüber nach. Lara Croft bereist zwar die ganze Welt und klaut Artefakte, wo sie nur kann, aber wo ist da die Tiefe?
Die Tiefe taucht bei ihr erst auf, seitdem Crystal Dynamics die Entwicklung des Spieles übernommen hat. Zum Missgefallen vieler Fans, zeigte Lara mal Schwäche und strauchelte ein wenig.
Keine komplexen Charaktere mit emotionaler Entwicklung, bitte. Ich möchte einfach nur spielen, danke.
Was ist nun mit Damen, die nicht die Hauptrolle einnehmen und eher der weibliche Sidekick sind? Was machen die den schönen lieben Tag lang?
Gerettet werden.
Stellt euch dieses Szenario vor: hilflose Prinzessin wird vom üblen Bösewicht entführt. Der furchtlose Held fühlt sich dazu berufen die arme, hilflose Prinzessin zu befreien und den Tag zu retten.
Kommt einem bekannt vor, nicht?

Princess Peach taucht in den Super Mario Spielen auf und seien wir ehrlich: mehr als sich entführen lassen und Kartfahren, kann die auch nicht.
Was für ein Bild wird da vermittelt? Das Mädchen, das alleine nichts hinkriegt und ständig von ihrem Klempnerfreund gerettet werden muss. Kommt ein bisschen arg dümmlich rüber, wenn man sich SO oft entführen lässt wie Peach.
Nun gut, könnte man sagen, dass ist Super Mario, aber bei anderen Spielen wird das nicht so exzessiv betrieben. Sicher?
Geht mal an euer Videospielregal und schaut es euch an und denkt an die „arme, hilflose Prinzessin“, die gerettet werden muss.
Ich habe mir ein Spiel rausgesucht, dass frauenbildtechnisch noch recht gut wegkommt: die Uncharted-Serie vom Entwickler Naughty Dog.

In Uncharted: Drake’s Fortune (2007) ist Elena Fisher, die weibliche Protagonistin. Sie ist von Beruf her Journalistin und extrem aufgeweckt. Durch ihren Charme, Witz und Cleverness hat sie sich schnell bei den Uncharted-Fans beliebt gemacht. Sie personifiziert, auch rein optisch her, das Mädchen von neben an.
Und wo finden wir in Uncharted den „Princess Peach“-Effect?
Elena vom Bösewicht und seinen Komparsen entführt und natürlich sieht sich Nathan Drake, unser Avatar, in der Pflicht sie zu befreien. Immerhin haben wir zu ihr eine „Beziehung“ aufgebaut. Sie ist „unser“ Mädchen. Wir haben soweit zusammen gekämpft, da kann der blöde Bösewicht sie uns einfach nicht wegnehmen. Natürlich müssen wir sie retten!, denkt sich der Spieler.
Männer neigen dazu, zu weiblichen Charakteren eine Art von „Liebesbeziehung“ aufzubauen. Das menschliche Unterbewusstsein baut automatisch eine Verbindung zwischen Spieler und dem Avatar auf. Sicherlich wollen wir ein Happy End für uns und unseren Avatar. Ein hoher Grat an Identifikation findet hier statt. Man muss uns nicht sagen, dass wir das Mädchen zu retten haben, wir wissen, dass es zu machen ist, um unser Happy End zu bekommen.
Uncharted dient mir hier nur als Beispiel, dass es weit verbreitet ist, dass Frauen von Männern gerettet werden und nicht anders herum. Wer jedoch Beispiele für das Gegenteil hat, nur her damit!
Schon mal aufgefallen, dass sich weibliche Avatare (z.B. Lara Croft) niemals in Spielen verlieben? In diesem Fall wird wieder der männliche Spieler angesprochen: es wäre höchst unvorteilhaft am Ende die Protagonistin jemand anderes abkriegen zu lassen, als man selbst. Der Spieler beschäftig sich Stunden, wenn nicht Tage mit seinem Avatar, baut eine Beziehung auf und dann soll sie am Ende ein anderer kriegen? Extreme Enttäuschung ist vorgeplant.
Und nun zu einem extremen Frauenbild in Videospielen am Beispiel von GTA. 
Hier dienen Frauen nur zum Zweck von Eye Candy und Accessory. Sie besitzen keinerlei Tiefe und Charakter und werden nur auf ihre Körper reduziert. Sex sells, Ladies and Gentlemen. Und irgendwie kann man es Rockstar Games (Entwickler) nicht verübeln, dass sie so ein Frauenbild in ihren Spielen darstellen. Es ist der einfachste Weg an Geld zu kommen, denn Autos, Knarre und Frauen verkaufen sich immer.
Was man nicht im wahren Leben haben kann, holt man sich halt im virtuellen.
Macht, Herrschaft, Kontrolle, Ansehen, schnelles Geld verdienen, Respekt: alles das, was wir im wahren Leben missen, aber gerne in der virtuellen Welt ausleben.
Ich hoffe, ich konnte wenigstens ein paar Denkanstöße geben und euch dazu anregen mal selbst euer Spielverhalte zu beobachten: welche Emotionen, wenn überhaupt, regen sich bei mir und was empfinde ich? Habe ich die nötige Distanz?
Sicherlich hätte ich noch viel mehr schreiben und noch tiefer in die Materie eingehen können, aber hey, die Konsole wartet!
„Der Spieler sucht sich sein Spiel aus und nicht das Spiel seinen Spieler.“
Veröffentlicht in FunStuff